Kaiserhaus of Goods


In Bern hat ein neues Kaufhaus eröffnet, das den Handel neu definieren will: Das Kaiserhaus und das darin integrierte "of Goods". Ein Besuch in der Zukunft.

GOOD? OF COURSE. GOODIE!

In der Hauptstadt hat ein neues Retail-Projekt mit Anspruch eröffnet: Das Kaiserhaus schaut auf eine lange Geschichte zurück – und wendet doch den Blick entschieden nach vorne. Ein Augenschein in der Berner Marktgasse.

Inmitten der Berner Altstadt hat ein neues Kaufhaus eröffnet, das für sich in Anspruch nimmt, nicht weniger als die Neuerfindung des Handels zu sein: Das Kaiserhaus bzw. das darin integrierte   „of Goods“. Die Unterscheidung in das Kaiserhaus als grosses Ganzes und den Concept Store ist wichtig, weil das Kaiserhaus viel mehr als ein Kaufhaus ist und eine Brasserie, einen Deli-Shop, ein Café und ein Finanzmuseum der Schweizerischen Nationalbank beherbergt. Letztere ist für den überaus prächtigen und teuren Umbau des geschichtsträchtigen Hauses an der Marktgasse 37 bis 41 verantwortlich – alles ist vom feinsten und auf Mass.


Wir haben in der Brasserie zu Abend gegessen, im Deli einen Cinnamon Bun gekauft und im Café einen Doppio getrunken (alles bestens!), aber fokussieren hier der Einfachheit halber auf das Kaufhaus „of Goods“, das wohl den grössten Teil der Fläche des Kaiserhauses in Anspruch nimmt und fürs Publikum sicher die grösste Attraktion darstellt.


Schräg: Man betritt das Kaufhaus nicht, wie zu erwarten wäre, von der Marktgasse her, die immerhin eine der am stärksten frequentierten Einkaufsstrassen von Bern ist, sondern über den Innenhof des Gebäudekomplexes. Man tritt als erstes in den Häuserblock und findet den Eingang dann rechts des sorgfältig gepflästerten Platzes, zwischen zwei riesigen Schaufenster-Aquarien in Form eines Glaszylinders. Dahinter empfängt einen gleich der „Kiosk“, der einen Zusammenzug des kleinteiligeren Sortiments von „of Goods“ abbildet. Hier wird kassiert und eingepackt – es können aber auch Jacken und Taschen deponiert werden.


Noch ein bisschen undefiniert ist die darauf folgende „Customer journey“ im „of Goods“: Geht man nach rechts, findet man sich in einem halboffenen Atrium, das alle drei Etagen durchschneidet und ausser viel Luftraum  nur ein paar  kleine Warenträger mit Accessoires und Schnickschnack bietet. Das muss man sich leisten können: Die beste Fläche vorne quasi leer lassen! Hier sollen regelmässig auch Events und raumgreifende Installationen gezeigt werden – die Theatertechnik dafür ist vorhanden.


Atemberaubende Raumvolumen


Über eine Treppe - oder mit dem Lift - geht es dann runter oder nach oben, in die beiden weiteren Stockwerke des „of Goods“. Wir entscheiden uns fürs UG – und betreten dieses über die riesige Showtreppe links des Kioskes, die wiederum verschwenderisch viel Luft und Platz bietet – ein atemberaubendes Raumvolumen, das sich hier öffnet. Unten ist eine Art zweistöckige Bühne mit Kleidung, Accessoires und Schnickschnack, zusammengestellt von Kitchener – der traditionsreiche Berner Concept Store ist im „of Goods“ allgegenwärtig. Das ist zum einen clever – weil Kitchener bekannt ist und weiss, wie der Hase läuft –, zum anderen aber auch ein bisschen schade, weil man den Groove und den Sortimentsmix schon kennt. Überraschung geht anders. Vielleicht hat sich Kitchener aber auch einfach gesagt: Bevor hier in Bern ein ernstzunehmender Konkurrent entsteht, bewirtschaften wir das Feld besser selbst.


Dafür wird es links um die Ecke dann umso intensiver: Es folgen in loser Folge in sich verschachtelte und fliessend ineinander übergehende Shops mit Brillen, Kleidung, Möbeln, Büchern, Uhren oder Keramik – lauter verschiedene Anbieter bzw. Mieter, die aber als grosses Ganzes auftreten. Dabei sind etwa Mover mit plastikfreier Sportswear, Rework, Neumühle, Qwstion, Reseda, Rotauf, 3rd May, The New New oder Saberin. Alles ist auf Nachhaltigkeit und Zirkularität getrimmt. Grosse internationale Marken gibt es keine, alles ist einheimisches Nischenprodukt.


Hoch mit dem Lift in den ersten Stock, wo es auch Tageslicht gibt - und mein persönliches Highlight im „of Goods“, die kreativen Werkstätten von verschiedenen Modelabels sowie das Töpfer-Atelier von Linck-Keramik. Es werden tatsächlich vor Ort Keramiken gedreht oder Kleidungsstücke genäht - ein Traum. Hier sind Shops von Nina Yuun, NCCFN, Kokoté, Maya Seyfarth oder dem Massschneider Clerc. Man spaziert zwischen den Arbeitsplätzen hindurch und entdeckt Produkte und Prozesse.


Kuratiert wird das Angebot von „of Goods“ von Evelyn Roth, die in der Schweizer Kreativwirtschaft schon verschiedenste Spuren hinterlassen hat und sich auf dem Parkett gut auskennt. Sie führt den Verein Circular Lab an, der - in Abstimmung mit der Kaiserhaus Handels AG - die Flächen zuweist und den Gesamtmix prägt. Es geht um „Formate sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte rund um die Zukunftsfähigkeit von Herstellung, Retail und Konsumkultur“, wie es etwas gestelzt heisst. Wer dabei ist, kann auch Aktionär werden.


Und nun? Ist „of Goods“ die Zukunft des Handels? Sicher eine mögliche, ja. Es ist nobel und zukunftsweisend, die vielen kleinen Player im Bereich des Schweizer Designs zusammenzuziehen und sie in einem coolen, wirklich grosszügigen Space wirken zu lassen. Das befruchtet und belebt sich gegenseitig, ausserdem entsteht ein fairer Wettebewerb: Es kann jeder unter gleichen Voraussetzungen Erfolg haben - oder scheitern.


Der Wermutstropfen ist für Konsum-Feinschmecker nun höchstens dieser: vieles, was das „of Goods“ bietet, sieht ein bisschen ähnlich aus – vor allem im Bereich der Kleidung. Man sieht viel T-Shirts, Hoodies, Jeans und Overshirts, dazu Caps, Kuriertaschen … so wie die Welt halt herumläuft. Wirklich überraschende und verblüffende Kreationen sind rar – Verrücktheiten, wie man sie etwas bei Dover Street Market in London und Paris findet, sind in Bern nicht anzutreffen. Auch die vielen Kitchener-Corners wirken repetitiv. Diesbezüglich kann und muss das Sortiment noch vielfältiger und weniger vorhersehbar werden. Das ist knifflig, denn gleichzeitig muss das Kaiserhaus ja auch marktfähig sein, d.h. den Realitäten der konsumierenden Massen Rechnung tragen. Ein Spagat, den zu machen Übung und Zeit braucht. Wir hoffen, dass er gelingt und wünschen dem Team viel Nervenstärke!